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- Kategorie: Reisen
- Veröffentlicht am Dienstag, 22. Mai 2012 19:05
- Geschrieben von Wolf
Berlin, Berlin...
Ein Reisebericht
Einladende ArchitekturNach Berlin zu fahren ist, wie alte Freunde zu treffen. Jedenfalls, wenn es nicht zum ersten Mal ist. Das mag daran liegen, dass die Berliner eigentlich auch Norddeutsche sind, denn det und dat sind so weit auch nicht von einander entfernt (Benrather Linie). Würde ick mal sagen... Und soweit liegt unsere Auffassung von Humor auch nicht auseinander. Hier und da ein passender Spruch zum Weltgeschehen, der Berliner ist per se politisch, wen wundert's, und schon ist man drin.
Und die Unverwüstliche hält immer wieder Überraschungen für dich bereit. Kulturelle, menschliche und kulinarische, z.B.!
Riehmers Hofgarten in KreuzbergWir logierten sehr angenehm und zentral im Riehmers Hofgarten, einem Bauobjekt von 1893, gegenüber dem Kreuzberger Rathaus mit Blick auf den Potsdamer Platz nach links und dem Funkturm geradeaus, aber weiter weg. Dafür sind U-Bahn und Bushaltestelle nur wenige Schritte entfernt.
Am Mehringdamm um die Ecke beginnt der Multi-Kulti-Stadtteil mit einem breiten kulinarischen Angebot von...bis. Und wo finden wir zwei der leckersten Speisetempel? In der Friesenstraße! Leicht und schmackhaft, sauber und ästhetisch das thailändische Sarod's. Beim griechischen Restaurant "Z" empfiehlt sich eine telefonische Reservierung.
Und immer wieder CurrywurstAnsonsten gibt es für jeden Geschmack ein Angebot, von der Saftbar „Saftschubser“, zur Milchbar „Milchschaum“ bis zur Currywurstbude (immer voll besetzt) und dem vegetarischen Döner mit 40 Meter langer Menschenschlange.
Bekannter ist aber die Bergmannstraße, wo man von mexikanisch über französisch, von vorderasiatisch bis italienisch scharf, süß und feinabgeschmeckt schlemmen kann. Seit gestern auch ohne Zusatzdecken im Freien. Und so wurde straßauf, straßab das Pokalspiel Bayern gegen Chelsea mit Leidenschaft verfolgt. Wehe, wenn sich nichts ahnende Passanten falsch positionierten!
Mit der Tageskarte zu 6,30 € reist es sich verhältnismäßig unkompliziert selbst für Landeier. Man muss eben Bus und Bahnen geschickt kombinieren. Beide fahren häufig und wir bekamen wirklich überall auch auf dumme Fragen immer eine freundliche Antwort. Trotzdem bleibt Pflastertreten eben Pflastertreten. Wer denkt, dass alle Museen kühl und erfrischend sind, der irrt sich. Die Kunstwerke werden heute durch optimale Regelung der Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit erhalten, da muss der Besucher schon mal leiden.
.. oder vor der Neuen KunsthalleAllerdings dann verschärft, wenn er unbedingt dahin will, wo alle hin wollen, z.B. ins Pergamonmuseum. Es ist mir unbegreiflich, wie man noch aufnahmefähig sein soll, nachdem man sich mindestens eine Stunde lang in der prallen Sonne, eingehüllt vom Baustellenstaub, die Beine in den Bauch gestanden hat. Aber Leiden veredelt und schafft Solidarität (siehe Verhalten im Stau). Oder so - in Paris konnten wir Ähnliches beobachten, da vereinigen sich die Kulturbeflissenen aller Länder.
Wahrscheinlich kommt man nur noch per Stadtführung bzw. als Reisegruppe einigermaßen stressfrei in diese Lokalitäten.
Weniger überlaufen: das Bodemuseum. Der Bau mit großer und kleiner Kuppel strahlt an der Spitze der Museumsinsel liegend barocke Harmonie und Behäbigkeit aus, ohne überladen zu wirken. Das gilt auch für sein Inneres. Großzügig schwingt sich die breite Doppeltreppe rechts und links des riesigen Reiterstandbilds des Großen Kurfürsten empor, eingefasst von rosafarbenem Marmor. Beim zweiten Versuch fanden wir dann auch den Durchgang zu den Ausstellungsräumen, nämlich an der Hinterseite des gut sortierten Museumsladens. Man kann auch links durch das Café gehen. Dieses liegt zwar wunderbar praktisch über der Inselspitze, aber man kann durch die hoch gelegenen Fenster leider nicht hinaus blicken. Wie wäre es mit einer Art Podest entlang der Fensterfront?
Die Flucht der farbig unterschiedlich gehaltenen Räume bietet einen reichhaltigen Einblick in die Welt des Mittelalters, der Renaissance und des Barock, wobei Skulpturen vorherrschen. Passend zu den Ausstellungsstücken sind auch die Tür- bzw. Portallaibungen z.B. gotisch oder barock gestaltet.
Der Engel mit der LauteUnd wieder treffen wir auf einen „alten Bekannten“: einen Engel aus dem 20 Meter hohen Sakramentshaus der mittelalterlichen Husumer Marienkirche, geschnitzt von Hans Brüggemann! Brüggemann, um 1480 in Walsrode geboren und um 1540 in Husum gestorben, war der bekannteste norddeutsche Bildhauer und Bildschnitzer seiner Zeit. Die Reformation hatte ihn arbeitslos gemacht, er soll im Armenhaus Husums gestorben sein. Sein bekanntestes Werk ist sicher der dreiflügelige Bordesholmer Passionsaltar (1514-1521), der jetzt im Schleswiger Dom zu sehen ist. Wieder konnten wir uns von der Ähnlichkeit seiner Figuren mit denen Tillmann Riemenschneiders überzeugen.
Vom Bodemuseum ist es nur ein Katzensprung zum Gartenlokal „Ampelmann“ am gegenüber liegenden Spreeufer unter der S-Bahntrasse am Monbijoupark. Bei einem kühlen Getränk konnten wir lustige Filmaufnahmen von einem Fräulein mit Eis und Hund im Fünfzigerjahrestil beobachten. Wer will, mag die müden Haxen im Liegestuhl entspannen!
...oder gemütlich im LiegestuhlWeiter ging’s unter der S-Bahn durch zum Hackeschen Markt. Swingige Blasmusik empfing uns und die vollbesetzten Straßencafés zeigten, dass hier nach wie vor ein touristisches Zentrum liegt, das den nahe gelegenen Alexanderplatz längst ausgestochen hat. Das macht sich auch seit 20 Jahren Rita Kiehne, ehemalige examinierte Sport-und Musiklehrerin, wie sie mir gleich anvertraute, zunutze. Sie besitzt einen Miniklappstand, von dem aus sie Interessierten Farbausdrucke von ihr gemalter Aquarelle anbietet. Allesamt Berliner Stadtansichten und zu jedem eine passende Geschichte: “Sie erinnern sich doch noch an den Tornado ... vor zwei Jahren. Genau da hab ich das Brandenburger Tor gemalt.“ Dann erzählt sie mir noch, wie der Hackesche Markt und die dazugehörigen Höfe zu ihrem Namen gekommen sind, weil nämlich weiland ein Leutnant Hack dort einen Braunbären aus Brandenburg erlegte, und dass das neue Haus gegenüber auch vor ihr noch von niemandem gemalt worden sei und die Versicherungsleute, die es gebaut haben, auch schon wieder pleite seien, und, und, und ... Im Gegenzug konnte ich sie mit dem alten Spontispruch: „Ja, ja, die Schweine von heute sind die Schinken von morgen!“ erfreuen. Den kannte sie noch nicht. Kommt ja auch aus Zwickau. Wenn ich wieder nach Berlin fahre, werde ich schauen, ob sie noch da ist.
Text: Andrea Claussen - Fotos: Wolfgang Claussen
Eine Fotostrecke unseres Berliner Aufenthalts finden Sie hier.











