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Ton père, est-il un autre chien?

Lesung von Anna Tüne in der Husumer Stadtbibliothek

Anna Tüne sitzt am TischAnna Tüne in der Stadtbibliothek"Ist dein Vater Österreicher (Ton père, est-il autrichien)?", hatte das französische Kind wissen wollen. Aber die schlechten Erfahrungen mit Beschimpfungen als couchons Boches, als deutsche Schweine, hatten zu diesem freudschen Misshören geführt.

Zur Lesung eingeladen hatte die Deutsch-Französische Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Husumer Kunstverein und der Stadtbibliothek.

Sehr anschaulich und reich an Metaphern sind Anna Tünes Texte schon.

Die Situationen, die sie uns vortrug, wirkten trotzdem irgendwie distanziert, da sie aus der Perspektive eines Beobachters, der von den Empfindungen und Wahrnehmungen der "Kleinen" weiß, dargestellt wurden.

Die Protagonistin trage zwar eindeutig autobiografische Züge, sei aber laut Tüne wie fast alle Figuren des Romans eine synthetische Figur, die durch einen Verdichtungsprozess entstanden sei. Zusammengesetzt aus Charakterzügen mehrerer Personen mit dem Ziel der Verdeutlichung. Und so treten die didaktische Absicht und die politische Intention der Autorin trotz aller Poetik, lächelnder Hunde und exorzierter Bazillen, oft allzu deutlich zutage. Die universelle Problematik von Nachkriegsgeschichte zu verschriftlichen ist das erklärte Ziel der selbst politisch engagierten Autorin, die sich seit vielen Jahren aktiv gegen Fremdenhass einsetzt.

Das ist natürlich eine lobenswerte Absicht, allein der literarische Genuss wird durch die manchmal etwas zu deutlichen Mantras gestört. Den Menschen im Feind erkennen! Das Individuum von der Gruppe trennen! Warum darf der Leser nicht selbst diese Regeln aus dem beispielhaften Vorgehen des freundlichen hugenottischen Pastors ziehen? Warum muss ihm das Leid der Mutter analysiert werden "die vor Sorge, Angst und Heimatlosigkeit kranke Mutter..."?

Nach einigen Leseproben durften Fragen gestellt werden und es entspann sich eine recht angeregte Diskussion, unter anderem über nationale Identität, Nationalbewusstsein und die Einflüsse, denen die individuelle Identitätsbildung unterliegt. Obwohl die Absicht in der Darstellung einer übergreifenden Problematik lag, konnte Tüne nicht alle Fragen befriedigend beantworten, z.B. nach der allgemeinen Integration der deutschen Einwanderer in Frankreich und kam häufiger auf die Aussage zurück, sie habe eben besonderes Glück gehabt. Sie kehre auch regelmäßig in das Dorf ihrer Jugend zurück und habe dort Freunde. Inwiefern die Jahre von 1953 bis 1963, bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr, sie aber als "Französin" geprägt hätten, konnten die Zuhörer nicht ermitteln.

Andrea Claussen